Michael Gerr

Stadtrat für Würzburg

Michael GerrHier ein Interview mit dem Nachrichtenportal für Menschen mit Behinderungen kobinet-nachrichten.org:

Würzburg (kobinet) Am 16. März finden in Bayern Kommunalwahlen statt. Michael Gerr, der sich seit vielen Jahren u.a. beim Würzburger Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen engagiert, tritt erneut für die Stadtratswahl in Würzburg für die Grünen an. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit ihm über seine Erfahrungen und seine Ziele.

kobinet-nachrichten: Warum haben Sie sich entschieden, für die Kommunalwahl in Würzburg zu kandidieren?

Michael Gerr: Ich kandidiere zum zweiten Mal. Beim ersten mal im Jahr 2008 bin ich gleich in den Stadtrat gewählt worden als erster Mann mit einer Behinderung, der einen Rollstuhl nutzt. Nun möchte ich Begonnenes fortsetzen und weiter dafür sorgen, dass behinderte Menschen und deren Interessen im Stadtrat vertreten werden.

kobinet-nachrichten: Wie sind Ihre Chancen, wieder in den Stadtrat gewählt zu werden?

Michael Gerr: Obwohl ich etwas weiter hinten auf der Liste antrete als vor sechs Jahren (Platz 10), schätze ich die Chancen gut ein, am 16. März wiedergewählt zu werden. Denn damals war ich eher unbekannt, heute bin ich durch meine Arbeit in der Stadt deutlich bekannter. Durch das Wahlsystem in Bayern bei Kommunalwahlen kann man sich beim Listenplatz verbessern. Man kann panaschieren und kumulieren, das heißt, man kann die Stimmen über die Parteien hinweg verteilen und einzelnen Kandidaten bis zu drei Stimmen geben. Es ist also vor allem eine Persönlichkeitswahl einzelner Menschen.

 

kobinet-nachrichten: Hat sich während Ihrer bisherigen Tätigkeit im Stadtrat das Leben für Menschen mit Behinderung verbessert? Was konnten Sie im Einzelnen bewirken?

Michael Gerr: In Sachen Barrierefreiheit verbessert sich in Würzburg wie auch woanders die Situation mit jedem Neubau und mit fast jeder Sanierung. Im Bauausschuss habe ich ein besonderes Auge auf die tatsächliche Einhaltung der Barrierefreiheit. Inzwischen sind auch fast alle Amtsgebäude der Stadt barrierefrei, wobei der Einbau des Rathausaufzugs ein dickes Brett war, denn er war der CSU beim Haushaltsschwur plötzlich zu teuer. Nun gibt es eine kleinere Variante. Seit letztem Jahr ist er in Betrieb und ich freue mich immer, wenn ich sehe wie ihn jemand mit Kinderwagen nutzt oder etwa die Reinigungskräfte mit ihrem Wagen. Verbesserungen für behinderte Menschen müssen aber allgemein in den Hinterkopf bei möglichst allen Arbeiten der Stadtverwaltung. Mein Ziel ist also, dass ich mich nicht allein daran abarbeite, sondern die Profis der Stadt Behinderung mitdenken. Da sind wir, glaube ich, schon auf dem Weg.

kobinet-nachrichten: Was wollen Sie erreichen, wenn Sie erneut gewählt werden?

Michael Gerr: Als amtierender Stadtrat habe ich kein völlig neues Projekt. Der noch alte Stadtrat soll im April einen Aktionsplan “Inklusion” beschließen, den sehe ich auch als meinen größten Erfolg an. In sechs Bürgerwerkstätten waren viele Akteure in der Stadt in die Erarbeitung einbezogen und werden dann hoffentlich auch in ihrem jeweiligen Umfeld an der Realisierung mitarbeiten. Im neuen Stadtrat wird es darum gehen, möglichst viele der Handlungsempfehlungen des Aktionsplans konkret zu machen. Das heißt konkret, jedes Jahr im städtischen Haushalt das nötige Geld zur Verfügung zu stellen. Da will ich Antreiber sein.

kobinet-nachrichten: Wie sind Ihre bisherige Erfahrungen als Rollstuhlnutzer in der Kommunalpolitik und mit dem derzeitigen Wahlkampf?

Michael Gerr: 2008 galt ich noch als Exot, denn ich war der erste Rollstuhlnutzer im Stadtrat, der zudem selbstbewusst Politik für behinderte Menschen einforderte. Es mag immer noch einige Kollegen geben, die mich mit einem Sonderblick betrachten, aber insgesamt hat sich meine Rolle normalisiert. Dennoch ist mein Eindruck, dass allein meine Anwesenheit mit dafür sorgt, dass in der Regel alle Fraktionen behindertenpolitische Themen wie Barrierefreiheit mehr berücksichtigen und mittragen. Im derzeitigen Wahlkampf spielt die Tatsache, dass ich einen Rollstuhl benutze kaum mehr eine Rolle, zumindest empfinde ich das so.

kobinet-nachrichten: Was würden Sie anderen behinderten Menschen empfehlen, die sich in die Politik einmischen wollen?

Michael Gerr: Wer sich einmischen will, sollte es einfach selbstbewusst tun. Man muss Politik aber auch als Geschäft verstehen, das man in einem Prozess erlernt, nach und nach. Also nicht so schnell aufgeben, wenn etwas nicht gleich klappt, nicht zuerst anderen (den Nichtbehinderten) oder der eigenen Partei die Schuld geben, sondern an sich selber arbeiten. Gut ist es auch, wenn man neben Behindertenpolitik noch ein anderes Thema einbringen kann und zuletzt: Humor mitbringen und sich Dinge suchen, die einem Freude machen.