6: Meine Arbeit als Teilhabe-Berater

Michael Gerr in den Beratungsräumen von WüSL, der EUTB – Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung

Mein persönlicher Countdown: Noch 6 Tage bis zu den bayerischen Kommunalwahlen.

Würzburg, 9. Mai. Wochenbeginn am Montag = erster Arbeitstag der Woche. Diese Woche habe ich bei meinem Hauptjob bei WüSL Urlaub genommen. Arbeitslos bin ich aber nicht. Ich werde mich jeden verbleibenden Tag der Woche für die Würzburger Grünen und ein möglichst gutes Wahlergebnis einsetzen. In diesem Beitrag soll es aber um meinen Job bei WüSL gehen. Was macht der Kandidat Michael Gerr in seiner täglichen Arbeit? Was versteckt sich hinter der Berufsbezeichnung Teilhabe-Berater, wie sie auf dem Wahlzettel steht? Wie verbindet sich sein Hauptjob mit dem Job eines Stadtrats? Meine Arbeit ist alles andere als völlig unpolitisch. Und deshalb passt dieses Thema auch gut in diese Beitragsserie.

Seit Mai 2018 arbeite ich für den Verein Selbstbestimmt Leben Würzburg e.V., kurz WüSL. Seit 1996 war ich ehrenamtlich bei WüSL tätig und war von hier aus beteiligt an der Politisierung des Themas „Behinderung“ in Würzburg. Erst durch WüSL wurde ein städtischer Arbeitskreis „barrierefreies Bauen“ eingerichtet, die Schaffung eines Behindertenbeirats zumindest beschleunigt. WüSL hat sich immer für Menschenrechte für alle Menschen eingesetzt und dies bei Demos, Kundgebungen und Organisation einer Reihe von Podiumsdiskussionen klar vertreten und eingefordert.

Als 2017 die Ausschreibung des Projekts der EUTB bekannt wurde, war für mich als WüSL-Vorstand gleich klar, dafür müssen wir uns bewerben. Das ist genau das für uns passende Projekt, das uns nach jahrzentelanger ehrenamtlicher Arbeit den Einstieg in die Hauptamtlichkeit ermöglicht und das wir nicht allein anderen überlassen dürfen, die nie, wenn überhaupt, den Menschenrechtsansatz so konsequent verfolgt haben, wie wir. Die Antragsstellung war durchaus umfangreich und anspruchsvoll, aber mit unseren jahrelangen Erfahrungen erreichten wir eine gute und erfolgreiche Bewerbung, die am Ende dazu führte, dass wir drei Stellen (als Vollzeitadäquate) schaffen konnten.

Was wir unter Teilhabeberatung verstehen, lässt sich am besten auf unserer Homepage eutb.wuesl.de nachlesen. Nur so viel, der Gesetzgeber wollte, dass das neue geschaffene Bundesteilhabegesetz mit seinen neuen Regelungen flankiert wird von einer unabhängigen Beratung und zwar möglichst auf der Grundlage der Beratungsmethode Peer Counseling. WüSL hat von Beginn an neben politischer Tätigkeit Beratungen als Peer Counseling durchgeführt, d.h. selber von Behinderung betroffene beraten Menschen mit Behinderungen. Wir sind insofern im Raum Unterfranken das Original in dieser Methode, bei der die Selbstbestimmung der Ratsuchenden im Zentrum steht. Außerdem sind wir eindeutig schon immer unabhängig, was andere so nicht von sich behaupten können. Es besteht werder eine Abhängigkeit von Leistungserbringern noch von Leistungsträgern. Durch unsere Mitglieder und durch Spenden von Menschen, die unsere Arbeit schätzen, werden wir die Unabhängigkeit weiterhin wahren.

Die Leitung der Beratungsstelle und meine eigene Beratungstätigkeit bestimmt also einen großen Teil meiner Arbeitszeit. Letzten Sommer habe ich die für mich sehr wertvolle Peer Counseling Weiterbildung abgeschlossen. Übrigens wählte ich für die Abschlussarbeit ein Thema, das in den Politikbereich fällt: Peers in der Politik – Zwischen Vorbild, Benachteiligung und politischer Teilhabe. Für meine politische Arbeit zeigt sich die Beratungstätigkeit selber als sehr fruchtbar, denn sie bringt mich nochmal deutlich näher an die Lebenswirklichkeit vieler unterschiedlicher behinderter Menschen, die nicht zwingend mit meinen eigenen Erfahrungen zusammenfallen muss.

Bei der Teilhabe-Beratung geht es für mich darum Ratsuchende zu stärken, zu empowern, damit sie ihren eigenen selbstbestimmten Weg besser beschreiten können. Es geht bei unseren Beratungen nicht darum Lösungen vorzugeben, sondern wir zeigen Möglichkeiten auf, die zu einer individuellen Lösung führen können. Dem entspricht unser Slogan „Wir beraten – Sie entscheiden“. Teilhabe wurde im Rahmen der Diskussionen um das Bundestelhabegesetz (BTHG) etwas breiter bekannt, ist aber immer noch ein sperriges Wort, das sich nicht aus sich selber erklärt. In meinen Worten bedeutet Teilhabe die Möglichkeit überall im gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, beinhaltet also Wahlmöglichkeiten. Die rechtliche Grundlage hierfür ist die UN-Behindertenrechtskonvention, der Deutschland 2009 beigetreten ist und die als eigenes Gesetz durch Bundestag und Bundesrat beschlossen wurde.

Nicht vergessen ist, dass der Gesetzgebungsprozess um das BTHG von vielen Protesten begleitet wurde. Es ist bis heute noch nicht klar, inwieweit Verbesserungen, so die Anhebungen von Vermögens- und Einkommensgrenzen, durch Verschlechterungen erkauft wurden. Wir verstehen die EUTB auch als Korrektiv, zumindest als ein Instrument, das die tatsächlichen Wirkungen des Gesetzes spiegelt, wenn Beratungen auflaufen mit mehr oder weniger erfolgreichen Antragstellungen im Rahmen der reformierten Eingliederungshilfen.

Mit unseren Beratungen wollen wir den Menschen zu ihren Rechten verhelfen, um ein menschenwürdiges und gleichberechtigtes Leben wie andere zu führen.

In diesem Satz liegt die Verbindung meiner hauptantlichen Arbeit bei WüSL zu meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Politik bei den Grünen und im Stadtrat. Den menschenrechtsbasierten Ansatz vertrete ich in meiner Arbeit bei WüSL, wie auch bei den Grünen, hier durch Empowerment und Unterstützung bei Antragsstellungen, dort als politische Forderung die Rahmenbedingungen in unserem Land, in Bayern und in meiner Kommune inklusiv zu gestalten.

Im nächsten Countdown wechsle ich wieder zur politischen Säule von WüSL und zu den aktuellen Wahlprüfsteinen. Da werde ich Antworten der Würzburger Parteien genauer ansehen.

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